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Datum & Uhrzeit: 2011-09-17

Autor: Stefanie Sapara, HSt

Ein schlimmer Unfall, viele Verletzte, ein Toter. Polizei und Feuerwehrkräfte sind im Einsatz, müssen ihre Arbeit tun. Doch da ist in vielen Fällen nicht nur ein Mensch, der gerade gestorben ist, sondern da sind auch Angehörige, Betroffene Menschen, die einen Ansprechpartner brauchen, jemanden, der Zeit für sie hat. Eine Aufgabe, der Einsatzkräfte kaum gerecht werden können. Vor zehn Jahren wurde deshalb im Stadt- und Landkreis Heilbronn die Ökumenische Notfallseelsorge ins Leben gerufen.Kein NetzwerkJürgen Rist, Pastoralreferent in der Katholischen Cityseelsorge Heilbronn, und Jörg Spahmann, Schuldekan der evangelischen Dekanate Neuenstadt, Öhringen und Weinsberg, leiten die Organisation. "Es kommt immer häufiger vor, dass Menschen kein soziales Netzwerk mehr haben." Nach dem Tod einer nahestehenden Person sind sie allein. Oft kennen sie nicht einmal die Nachbarn. "Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, das die Notfallseelsorge immer wichtiger erscheinen lässt", sagt Rist. Wichtig sei sie auch, weil heute nicht mehr das Motto gelte: Mit dieser Nachricht kommt die Person schon klar. "Es fand eine Sensibilisierung statt", erklärt Spahmann. "Man ist achtsamer geworden."Stellen die Einsatzkräfte am Unfallort fest, dass ein Angehöriger Hilfe braucht, verständigt die Rettungsleitstelle einen Seelsorger. Der verbringt in der Regel die ersten zwei bis drei Stunden nach dem Todesfall bei dem oder den Angehörigen. "In der Zeit muss unheimlich viel passieren", sagt Jürgen Rist. Dabei reiche es nicht, ein Helfersyndrom ausleben zu wollen. Oder gar der Spruch: "Ich hab" auch mal einen Todesfall miterlebt, da ging es mir nach drei Wochen wieder besser." So etwas ist völlig deplatziert, stellt Spahmann klar. "Ebenso ein: Das wird schon wieder." Vielmehr gelte es, aufmerksam zu sein. Sicherzustellen, dass sich niemand aus Verzweiflung spontan ins Auto setzt und losrast. Womöglich mit Selbstmordgedanken.Besonders wichtig ist den Notfallseelsorgern, dass während des Einsatzes Kontakte hergestellt werden, zu Verwandten, Bekannten, einem Pfarrer oder einer Beratungsstelle. "Wir wollen sicher sein, dass derjenige gut aufgehoben ist und weiß, an wen er sich wenden muss", sagt Rist.TrauerprozessDen plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen, sei es durch einen Unfall oder auch durch einen Schlaganfall, vergleicht Jörg Spahmann mit einer Amputation. "Da ist das Wissen, dass man von einem geliebten Menschen nicht mehr Abschied nehmen konnte. Das unterscheidet diesen Trauerprozess von anderen."Zum zehnjährigen Bestehen der Notfallseelsorge im Stadt- und Landkreis gibt es am Montagabend einen Gottesdienst. Nicht nur mit den 27 Mitarbeitern. "Wir wollen uns nicht selbst feiern", betont Rist. "Der Gottesdienst ist für die Rettungskräfte und für die Polizei; Leute, die tagtäglich bereitstehen, um für andere da zu sein." Denn: "Die Kollegen gehen oft an ihre Grenzen und tun etwas, das heute nicht mehr selbstverständlich ist. Sie sind für andere da."